Autohersteller und Zulieferer arbeiten an Systemen, die Musik, Videos und Daten zur Navigation aus dem Internet beziehen sollen
Gemessen an den sozialen Netzwerken im Internet sind Autofahrer immer noch Einzelkämpfer, die sich mit spärlichen Informationen durch den immer dichteren Verkehr bewegen. Dabei würde es ihnen viel bringen, wenn sie wüssten, was sich gerade um sie herum abspielt: Welche Restaurants und Sehenswürdigkeiten sind in der Nähe, wo kann man was einkaufen und wo befindet sich die günstigste Tankstelle im Umkreis? Solche ortsbezogenen Informationen im Navigationssystem aber müssen ständig aktualisiert werden, sonst sind sie wertlos. Viele Hersteller arbeiten daher daran, Autos ins Internet zu bringen.
“Bis 2012 können wir uns vorstellen, dass 20 bis 30 Prozent aller Neufahrzeuge online sein werden, bis 2020 wird ein Großteil der Automobile eine Verbindung zum Internet haben”, sagt Giorgio Scherl, der bei Google als Produktmanager für die Karten- und Navigationsplattform Maps arbeitet. “Die Zukunft liegt im Netz, es geht nur noch um den idealen mobilen Internet-Zugang”, zeigt sich auch Ralf Herrtwich überzeugt. Er ist bei Mercedes für das Forschungsprojekt MyComand zuständig. “Wir wollen Infotainment-Funktionen wie Musikhören und Navigieren sukzessive auf eine Internet-Basis stellen”, sagt er, “aber erst dann, wenn es der Nutzer gar nicht mehr merkt, dass er kein Autoradio oder keinen CD-Player an Bord hat.”
Mit den Ideen aus der Zeit der ersten Internet-Euphorie hat dieser Ansatz nichts mehr zu tun. Damals wurden Überlegungen zu einem Mercedes-Portal angestellt, das alle Arten von Online-Diensten bis hin zum Blumenversand anbieten sollte. “Diese Alle-machen-alles-Periode ist vorbei”, sagt Herrtwich. BMW hat als einziger Hersteller die internetbasierten Angebote in Europa auch nach dem Platzen der Internet-Blase kontinuierlich ausgebaut: E-Mails im Bordsystem empfangen oder sich Nachrichten nach eigenen Kriterien zusammenstellen zu lassen, ist seit Jahren mit BMW ConnectedDrive möglich.
“BMW ist ein Vorreiter bei maßgeschneiderten Online-Diensten im Fahrzeug”, bestätigt Giorgio Scherl. Mit der Google-Anwendung Send to Car lassen sich die Daten von Reisen, die mit Hilfe von Google Maps geplant werden, in einen BMW übermitteln und dort direkt ins Navigationssystem übernehmen. “Diese Verknüpfung von Online-Zugang per SIM-Karte und Navigation wird künftig auch bei den Anbietern von Mobilgeräten zum Trend”, sagt der Google-Manager voraus.
BMW hat indessen bereits die nächste Online-Initiative gestartet. Das Navigationssystem Professional bietet uneingeschränkten Zugriff auf beliebige Internet-Seiten, die auf der zentralen Anzeige dargestellt werden. Einziges Manko ist die zähe Übertragungsrate im Tempo alter Telefonmodems: Die Funkschnittstelle funktioniert nur über den langsamen Standard GPRS.
Bei Daimler will man mit der Internet-Anbindung daher warten, bis der Mobilfunk der vierten Generation verbreitet ist. “Beim 4G-Funknetz reden wir von Datenübertragungsraten im Bereich von 100 Megabit pro Sekunde”, sagt Herrtwich - ein Vielfaches dessen, was das heute verwendete UMTS leistet. Es schafft maximal 7,2 Megabit pro Sekunde. Wer davon träumt, seinen Mitfahrern die Langeweile mit Filmen zu vertreiben, die übers Internet geschickt werden, muss also noch etliche Jahre warten. Näher liegt die Aktualisierung von Navigationsdaten, die wesentlich weniger Übertragungszeit benötigt.
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